Die Verdauung im Überblick: Wie unser Verdauungssystem funktioniert

Von Jens Seibel
21. Mai 2026

Was genau passiert bei der Verdauung? Wie wird das Essen zerkleinert und vom Körper aufgenommen? Welche Organe spielen dabei eine Rolle? Das menschliche Verdauungssystem ist hoch komplex, zugleich enorm effizient. Erfahren Sie in den folgenden Abschnitten mehr über seinen Aufbau und seine Funktion.

Das Wichtigste auf einen Blick zum Thema Verdauung

  • Definition: Unter Verdauung versteht man die Aufspaltung der Nahrung in kleinste Bestandteile, die unser Körper unmittelbar verwerten kann.
  • Aufbau des Verdauungssystems: Die aufgenommene Nahrung durchwandert Mund, Speiseröhre, Magen, Dünn- und Dickdarm. Außerdem sind Bauchspeicheldrüse, Leber und Gallenblase an der Verdauung beteiligt.
  • Ablauf und Funktion: Die Verdauung umfasst zwei Schritte – die mechanische Zerkleinerung der Nahrung und die chemische Aufspaltung mithilfe von Verdauungsenzymen. Auch Darmbakterien leisten einen wichtigen Beitrag zur Verdauung.

Definition: Was ist Verdauung?

Tag für Tag nehmen wir eine Vielzahl an Speisen und Getränken zu uns. Die darin enthaltenen Nährstoffe – Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße – kann unser Körper in dieser Form aber nicht direkt nutzen. Deshalb ist es die Aufgabe des Verdauungssystems, die Nährstoffe Schritt für Schritt in verwertbare Bestandteile zu zerlegen. Diesen Prozess bezeichnet man als Verdauung – in der medizinischen Fachsprache auch „Digestion“.

Im Wesentlichen umfasst die Verdauung zwei Schritte:

  • die mechanische Zerkleinerung der aufgenommenen Nahrung
  • die chemische Aufspaltung der Nahrungsbestandteile mithilfe von Verdauungsenzymen

Im Optimalfall läuft die Verdauung so effizient ab, dass unser Körper nahezu 100 Prozent der zugeführten Nährstoffe nutzen kann1. So steht uns die zum Leben notwendige Energie zur Verfügung und unser Körper gewinnt Rohstoffe, die er zum Aufbau des Organismus braucht.

Abschnitte des Verdauungssystems und deren Aufgaben

Unsere Verdauung funktioniert nach einem hoch komplexen, aber sehr effizienten System. Die aufgenommene Nahrung durchwandert dabei mehrere Organe, die jeweils sehr spezifische Aufgaben erfüllen. Gesteuert wird das Ganze durch Hormone sowie ein spezielles Nervensystem, das unabhängig von unserem Bewusstsein (autonom) arbeitet.

Der Weg unserer Nahrung beginnt im Mund und setzt sich über Speiseröhre, Magen, Dünn- und Dickdarm fort. Unverdauliche Nahrungsbestandteile werden schließlich in Form von Stuhl ausgeschieden. Im Folgenden erfahren Sie mehr über die einzelnen Stationen des Verdauungssystems.

Der Mund als Startpunkt der Verdauung

Es wird Sie vielleicht überraschen: Die Verdauung beginnt schon in der Mundhöhle. Dort wird die Nahrung mithilfe der Zähne mechanisch zerkleinert, um die Oberfläche der Nahrungspartikel zu vergrößern. Das erleichtert die anschließende Aufspaltung durch Verdauungsenzyme. Beim Kauen vermischt sich der Nahrungsbrei mit dem Speichel aus den Speicheldrüsen im Bereich der Mundschleimhaut. Diese sondern pro Tag bis zu 1,5 Liter Speichel ab, was der Vorverdauung des Nahrungsbreis dient und ihn gleitfähiger macht. Durch die im Speichel enthaltenen Enzyme beginnt die Aufspaltung von Kohlenhydraten und Fetten bereits in der Mundhöhle.

Speiseröhre: der Transport zum Magen

Der Nahrungsbrei gelangt nun aus der Mundhöhle in die Speiseröhre (Oesophagus), ein circa 23 – 28 Zentimeter langer, dehnbarer Muskelschlauch mit einem Durchmesser von circa 2,5 Zentimetern. Die flexible Speiseröhre kann sich der Größe der Nahrungspartikel anpassen und ist wie die Mundhöhle mit einer Schleimhaut ausgestattet. Durch wellenartiges Zusammenziehen (in der Fachsprache Kontraktionen genannt) befördert sie die Nahrung in Richtung Magen. Damit der Mageninhalt nicht zurück in die Speiseröhre fließen kann, wird der Übergang von Speiseröhre zu Magen von einem Ringmuskel verschlossen.

Magen: Aufspaltung und Vorverdauung

Der Magen hat ein Fassungsvermögen von 1 bis 1,5 Litern und ist mit einer dicken Schleimhaut ausgekleidet, die zugleich als Schutz vor den eigenen Verdauungssekreten dient. Spezialisierte Zellen der Magenschleimhaut produzieren den Magensaft, der unter anderem Salzsäure enthält. Diese starke Säure tötet mit der Nahrung aufgenommene Krankheitserreger ab. Außerdem bewirkt sie, dass die Eiweiße im Nahrungsbrei ihre räumliche Struktur verändern – ein Vorgang, den man auch als Denaturierung bezeichnet. Zusätzlich werden die Eiweiß-Moleküle von Verdauungsenzymen aufgespalten und so für die Weiterverarbeitung vorbereitet.

Der Magen ist die erste Station des Verdauungssystems, in der die Nahrung länger verweilt: Je nach Art und Menge können es rund 1 bis 5 Stunden sein. Durch wellenförmige Bewegungen der Magenmuskulatur wird der Mageninhalt laufend durchmischt. Über den Magenpförtner, einen ringförmigen Muskel am Magenausgang, wandert der Nahrungsbrei portionsweise weiter in den Zwölffingerdarm, den ersten Teil des Dünndarms.

Dünndarm: Hauptort der Verdauung

Der rund 4 Meter lange Dünndarm ist der Hauptort der Verdauung, er ist für die Zerlegung und Aufnahme der Nahrungsbestandteile zuständig. Man unterteilt den Dünndarm in drei Abschnitte:

  • Der Zwölffingerdarm (Duodenum) beginnt am Magenpförtner und hat eine Länge von 20 bis 30 Zentimetern. Der Verlauf ist C-förmig, in seiner Krümmung ist die Bauchspeicheldrüse eingebettet. Sein Schleimhautsekret ist für die Verdauung von Eiweißen und Kohlenhydraten verantwortlich.
  • An den Zwölffingerdarm schließt sich der stark geschlungene Leerdarm (Jejunum) mit 1,5–2 Metern Länge an.
  • Den letzten Abschnitt des Dünndarms bildet der Krummdarm (Ileum) mit einer Länge von 2 bis 3 Metern. Er mündet in den Dickdarm.

Im Querschnitt besteht der Dünndarm aus einer Schleimhaut, einer Bindegewebsschicht und einer kräftigen Muskelschicht. Die Darmmuskulatur spielt für die Darmtätigkeit eine entscheidende Rolle: Durch wellenförmiges Zusammenziehen der Darmmuskulatur wird der Darminhalt laufend in Richtung Dickdarm weitergeschoben.

Bemerkenswert ist auch die Mikrostruktur der Dünndarm-Schleimhaut: Sie zeigt viele kleinste Vorwölbungen, bekannt als Darmzotten, auf Lateinisch Villi intestinales. Auf der Oberfläche jeder Darmzotte befinden sich weitere Ausstülpungen, die man „Mikrovilli“ nennt. Diese Ausstülpungen vergrößern die Oberfläche der Schleimhaut erheblich, was eine effiziente Aufnahme der Nährstoffe ermöglicht.

Wie funktioniert die Nährstoff-Aufnahme konkret? Im Zwölffingerdarm, dem oberen Abschnitt des Dünndarms, vermischt sich der Nahrungsbrei mit Verdauungssekreten. Diese stammen aus Bauchspeicheldrüse, Gallenblase und der Darmschleimhaut. Die darin enthaltenen Verdauungsenzyme zerteilen die Nährstoffe – Eiweiße, Kohlenhydrate und Fette – in ihre einzelnen chemischen Bestandteile. Spezialisierte Schleimhautzellen des Leer- und Krummdarms nehmen diese kleinsten Teilchen anschließend auf. Über die Blutgefäße entlang des Dünndarms gelangen sie in die Pfortader und von dort weiter in die Leber.

Leber, Gallenblase und Bauchspeicheldrüse

Die folgenden Organe zählen zwar nicht direkt zum Verdauungssystem, sind aber dennoch für die Verdauung unverzichtbar:

  • Die Bauchspeicheldrüse bildet eine Reihe wichtiger Verdauungsenzyme. Ihr alkalisches (basisches) Sekret gelangt über den Bauchspeicheldrüsen-Gang in den Zwölffingerdarm. Es neutralisiert dort die Magensäure, wodurch die Verdauungsenzyme optimal arbeiten können.
  • Die Leber ist das Zentralorgan des Stoffwechsels: Die über die Darmschleimhaut aufgenommenen Nährstoffe gelangen zunächst in die Leber, wo sie entweder gespeichert oder weiterverarbeitet werden. Außerdem produziert die Leber Gallenflüssigkeit: Die darin enthaltenen Verdauungsenzyme sind speziell für die Verdauung von Nahrungsfetten wichtig.
  • Die Gallenblase speichert die Gallenflüssigkeit und gibt sie nach Bedarf in den Zwölffingerdarm ab.

Zusammengefasst unterstützen Bauchspeicheldrüse, Leber und Gallenblase somit die Verdauung und ermöglichen mit ihren Verdauungsenzymen die Aufspaltung von Nährstoffen.

Dickdarm: Verdickung des Darminhalts

Der letzte Abschnitt des Verdauungssystems ist der Dickdarm (Kolon). Er ist circa 1,5 Meter lang und spannt sich bogenförmig rund um den Dünndarm. Der Dickdarm hat die wichtige Aufgabe, Wasser und Elektrolyte aus dem Speisebrei aufzunehmen und über den Blutkreislauf an den Körper zurückzuführen. Dazu bewegt die Darmmuskulatur den Darminhalt ständig hin und her, sodass die Darmwand Flüssigkeit absorbieren kann. Auf diese Weise verdickt sich der Darminhalt zunehmend. Die Darmtätigkeit im Dickdarm erfolgt generell viel langsamer als im Dünndarm.

Im letzten Abschnitt des Dickdarms, dem Mastdarm (Rektum), sammelt sich der Stuhl, bevor er über den After (Anus) ausgeschieden wird. Er dient als Reservoir und ist über einen komplexen Schließmuskelmechanismus kontrollierbar.

Welche Rolle spielt die Darmflora bei der Verdauung?

Unser Verdauungssystem beherbergt eine große Anzahl an Mikroorganismen, die sogenannte Darmflora. Die meisten davon befinden sich im Dickdarm. Sie sind dort so zahlreich, dass Bakterien rund 50 Prozent des Gewichts unseres Stuhls ausmachen.

Darmbakterien nutzen unverdauliche Nahrungsbestandteile (Ballaststoffe) für ihren eigenen Stoffwechsel: Sie spalten diese teilweise auf, wobei Gase entstehen, die mitunter für Blähungen sorgen. Andererseits produzieren Darmbakterien auch wertvolle Stoffe wie Fettsäuren und Vitamine. Eine intakte und vielfältige Darmflora leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Verdauung.

Im oberen Dünndarm und im Magen befinden sich normalerweise keine Bakterien: Im Magen sorgt der hohe Säuregehalt des Magensafts dafür, dass die meisten Mikroorganismen fast augenblicklich abgetötet werden. Im oberen Dünndarm beschränken die Verdauungssekrete aus Bauchspeicheldrüse und Gallenblase eine Besiedlung mit Bakterien. Darüber hinaus produziert unser Körper Abwehrstoffe gegen unerwünschte Mikroorganismen, sogenannte Defensine. Diese spielen vor allem in den tieferen Abschnitten des Dünndarms eine wichtige Rolle.

Trotzdem siedeln sich manchmal zu viele Bakterien im Dünndarm an: Dann spricht man von einer bakteriellen Fehlbesiedlung (SIBO = Small Intestinal Bacterial Overgrowth). Wiederkehrende Verdauungsbeschwerden wie ein Blähbauch, der mit unangenehmem Druck- oder Völlegefühl einhergeht und sogar äußerlich sichtbar sein kann, können die Folge sein.

Insgesamt ist das Zusammenspiel zwischen Verdauung und Darmflora enorm komplex, und viele Detailfragen muss die Wissenschaft erst klären. Fest steht: Unser Verdauungssystem braucht die Unterstützung dieser hoch spezialisierten Kleinstlebewesen.


 
1 Ratgeber für Patienten zu „Verdauung – über Aufbau und Funktion des Magen-Darm-Kanals“, Herausgeber: Gastro-Liga e. V.

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